Was ist, wenn relevante Gruppen bei der Konfliktbearbeitung außen vor bleiben?
Das „Nicht-gesehen-Werden“ kann ein treibender Faktor für Konflikte im Ort sein. Es gibt Fälle, in denen bestimmte Gruppen Thema sind, aber nicht mit am Tisch sitzen. Ein Beispiel ist der Fall mit der unsicheren Innenstadt. Einer der Faktoren für die dortigen Konflikte war, dass der Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte seit 2015 in der Innenstadt in kurzer Zeit sehr gewachsen war. Der Wohnraum war hier relativ günstig. Der Stadtteil wurde sichtbar „bunter“. Das heißt auch: Der öffentliche Raum, der vorher vor allem zweckorientiert mit Einkaufen oder Amtsgängen in Verbindung gebracht worden war, wurde plötzlich auch Lebens- und Aufenthaltsraum.
Wir haben am Anfang gefragt: Wen betrifft das Thema alles? Wer wurde bisher einbezogen, wer nicht? Mit wem sollten wir sprechen und wer muss Teil des Prozesses sein? Dabei wurde zum Beispiel klar: Es bestanden seitens professioneller Akteure der Stadt wenige belastbare Kontakte in migrantische Communitys hinein. Dies war ein Grund dafür, warum das bisherige Vorgehen nur begrenzt Wirksamkeit zeigte. Es wurde eine Antwort auf eine Frage geliefert, die noch gar nicht ausreichend verstanden war. Diesen Punkt zu benennen, war wichtig.
Also miteinander zu reden statt übereinander …
Durch solche Prozesse werden Konflikte sichtbar, die nur unter der Schwelle mitlaufen. In diesem Fall war ein Ergebnis, dass generelle Kontakte in die Communities ausgebaut werden müssen. Das hat über den konkreten Beratungsprozess hinaus positive Auswirkungen auf zukünftige Konflikte. Tragfähige und inklusive Strukturen der Kooperation und des Gesprächs zu schaffen, ist zentral.
Beim Themenfeld Integration und Migration ist dieser Zusammenhang augenfällig. Er gilt aber auch in anderen Bereichen. Wenn von „den Bürger*innen“ gesprochen wird, die man nicht erreichen kann oder die nicht zu den Sitzungen kommen, gibt es auffällig oft gar kein genaues Bild davon, wer genau gemeint ist, aber viele Annahmen über Erwartungen und Meinungen.
Wie lassen sich Menschen einbinden, die zuvor nicht beteiligt waren?
Dazu fällt mir ein weiteres Beispiel ein. In einer Kommune gab es nach einer Gemeindegebietsfusion starke Konflikte zwischen der zentralen Verwaltung und den Ortsbürgermeister*innen, aber auch zwischen den einzelnen Ortsbürgermeister*innen. In einem Gespräch beklagte ein Ortsbürgermeister, dass er nicht handlungsfähig sei. Die Verwaltungschalte „auf stur“ und er könne die Anliegen der Bürger*innen nicht umsetzen. Drei Sätze später schilderte er seine Irritation darüber, dass sich besonders bei jungen Leuten niemand mehr finde, der bei den Kommunalwahlen antreten wolle.
Die Theorie des Ortsbürgermeisters war, dass sich einfach niemand mehr für das öffentliche Leben interessiere. Aber ich hatte den starken Verdacht, dass die beiden Probleme zusammenhängen und niemand freiwillig seine Abende und Wochenenden mit Lokalpolitik verbringen will, wenn er weiß, dass es dort hoch hergeht und Frust programmiert scheint. Solange solche Zusammenhänge nicht gesehen werden, können sie auch nicht verändert werden.
Andersherum heißt das aber auch: Wo Konflikte gesehen, ernst genommen und angegangen werden, sind sie ein guter Anlass für Gestaltung. Sie zeigen an, wo etwas verändert werden muss.
Wie kann im Anschluss mehr Zusammenhalt gefördert werden?
Mit „Zusammenhalt“ sind vor Ort oft viele unterschiedliche Dinge gemeint. Geht es um Nachbarschaftshilfe, um die Überbrückung des Generationengaps oder wird Zusammenhalt als Chiffre für den Wunsch nach Harmonie verwendet? Das ist zu klären.
Für mich bedeutet Zusammenhalt, dass ich mit einem Gegenüber streiten kann und mich darauf verlasse, dass es trotzdem eine Art gemeinsamen Grundkonsens gibt. Ein Konflikt ist zweischneidig. Er kann spalten, aber er kann auch stärken, weil man im Konflikt die Chance bekommt zu lernen, welche unterschiedlichen Perspektiven es auf ein Thema gibt. Beim Perspektivwechsel gibt es immer wieder Momente, in denen Leute zusammenrücken, obwohl sie sehr unterschiedlicher Ansicht sind – zum Beispiel, weil sie plötzlich nachvollziehen können, woher die Position der anderen Seite rührt, unter welchen Zwängen sie stehen, welche Ängste oder Bedürfnisse da sind. Das passiert natürlich nicht, wenn eine Partei die Legitimität anderer grundsätzlich infrage stellt und kein Interesse an einer gemeinsamen Lösung zeigt. In dem Fall gelangen wir an Grenzen.
Wenn die Konfliktparteien aber ernsthaft einen gemeinsamen Weg suchen, kann dieser Prozess in einer Stadtgesellschaft etwas verändern.
Hinweis: Das Interview ist die gekürzte, angepasste und aktualisierte Schriftfassung einer Folge des Podcasts Halt@zusammen!
Die Fragen stellte Adela Dulovic.