Demokratie braucht Geschichten
Warum Medienkompetenzarbeit ein eigener Bereich in der Politischen Bildungsarbeit für die Demokratie ist
Dr. Marie Elisabeth Müller
12.2.2026
„Wer gehört wird, der greift nicht zur Waffe!“, sagte mir vor Jahren Shubranshu Choudhary („Shu“), BBC-Journalist in Neu-Delhi. In diesem Satz liegt die Quintessenz seiner Arbeit.
Das Besondere: Choudhary arbeitet mit den „Gondo“ zusammen, einer marginalisierten indigenen Gemeinschaft in abgelegenen Waldgebieten in Zentralindien. Seit den 1960er Jahren leben sie im Spannungsfeld politisch motivierter Gewalt zwischen Naxaliten und der Zentralregierung. Viele von ihnen hatten lange keinen öffentlichen Resonanzraum für ihre Anliegen.
Choudharys Satz hallt bis heute in mir nach – besonders im Kontext meiner eigenen Medienkompetenzarbeit in Formaten der Politischen Bildungsarbeit für die Demokratie.
Wer erzählt, gewinnt Handlungsfähigkeit.
Wer gehört wird, erlebt Selbstwirksamkeit.
Wer Wirkung erfährt, fühlt Zugehörigkeit.
Diese drei Erfahrungen sind keine Nebeneffekte. Sie sind Grundlage demokratischer Stabilität. Doch was heißt Erzählen konkret – und wie wird es produktiv für politische Bildung?
Erzählen ist mehr als Sprechen. Es ist eine semiotische Handlung in der Schnittmenge zweier Systeme:
- Politische Bildung arbeitet mit normativen Ordnungssystemen, mit Werten, Verfassung, Regeln und Aushandlungsprozessen.
- Medienkompetenzarbeit operiert mit semiotischen Logiken, technologischen Infrastrukturen und Plattformmechanismen.
Politische Bildung fragt: Was gilt?
Medienkompetenz fragt: Wie wird Bedeutung hergestellt – und von wem für wen?
Erst in der Verbindung beider Ebenen entsteht demokratische Handlungskompetenz. Ich fasse das grafisch so zusammen:
Konkrete Alltagsprobleme gemeinschaftlich lösen
2010 gründete Choudhary die Radioplattform CGNet Swara („Stimme der Gondo“). Sie arbeitet bewusst mit den ressourcensparendsten und zugänglichsten Technologien. Audio, Bluetooth, Mobile Telefone, Internet, Smartphones – inzwischen auch Generative KI.
Ein interdisziplinäres Team aus Journalisten, Ingenieuren, Designern und Psychologen sammelt Alltagsgeschichten von der lokalen Gemeinschaft: fehlende Lebensmittelrationen, Wasseranschlüsse, Schulzugang, Landstreitigkeiten, Gasversorgung, Pflege und anderes mehr.
Diese Geschichten werden veröffentlicht – und gezielt mit kommunalen Akteuren verbunden. Verwaltung reagiert. Lösungen werden dokumentiert. Manchmal scheitern Prozesse. Aber sie werden sichtbar.
Aus jedem gelösten oder ungelösten Problem entstehen neue Geschichten, neue Handlungsstränge, neue Maßnahmen. Medienarbeit ist hier kein Zusatz. Sie ist Infrastruktur. Sie erzeugt Transparenz, Resonanz und Verantwortlichkeit.
Gleichzeitig vermittelt das Team niedrigschwellige Medienkompetenzen: Wie formuliere ich ein Anliegen? Wie dokumentiere ich einen Missstand? Wie prüfe ich Fakten? Wie erreiche ich Reichweite?
Medienkompetenz wird zum Werkzeug konkreter Lebensverbesserung – und zur alltäglichen Schule demokratischer Praxis.
Warum ist das demokratietheoretisch relevant?
Wer erfährt, dass die eigene Stimme Wirkung entfaltet, interessiert sich stärker für Verfahren, Regeln und Institutionen.
Wer lokal mitgestaltet, begegnet automatisch Bürokratie, Verfassung, unterschiedlichen Perspektiven.
Wer Differenz aushandelt, lernt demokratische Verfahren praktisch.
Demokratie wird nicht abstrakt verteidigt – sie wird im Alltag erlebt und emotional erfahren.
Selbstwirksamkeit im Erzählen führt zu:
- höherem Interesse an relevanten Informationen.
- gesteigerter Urteilsfähigkeit.
- erhöhter Bereitschaft zum Dialog und konstruktiver Auseinandersetzung.
- stärkere Resilienz gegenüber Polarisierung und Feindbildern.
Medienkompetenz in fragmentierter Informationsumgebung
Wir leben in einer dynamischen fragmentierten Informationsumgebung, die sich seit zwanzig Jahren strukturell stark verändert. Vier Faktoren sind besonders relevant:
- Fragmentierte Öffentlichkeiten
Digitale Plattformlogiken erzeugen parallele Wirklichkeiten. Vertrauen in etablierte Institutionen – öffentlich-rechtliche Medien wie ARD oder demokratische Parteien – ist in Teilen erodiert. - Verengter Meinungskorridor
Auf Polarisierung und Fragmentierung der digitalen und analogen Öffentlichkeiten reagieren Medienmacher und Parteipolitiker mit einer Verengung des Meinungskorridors. Multiperspektivität wird zunehmend zugunsten eines polarisierten Gegenspiegels aufgegeben, in dem eng geführte rechte versus linke Positionen in selbstgerechtem Alleinanspruch verhärtet gegenüberstehen. - Cyber-Desinformationskampagnen
Gezielte Kampagnen delegitimieren wissenschaftliche Verfahren, relativieren historische Fakten und nutzen algorithmische Verstärkung. - Unregulierte Technologiemonopole
Globale Konzerne wie Google, Meta oder TikTok operieren mit daten- und aufmerksamkeitsgetriebenen Geschäftsmodellen. Ihre algorithmischen Logiken sind intransparent und folgen primär ökonomischen Anreizen – nicht demokratischen Normen.
Medienkompetenzarbeit ersetzt keine Regulierung. Sie ersetzt keine Plattformgesetzgebung und keinen Datenschutz. Aber sie schafft methodisches Verständnis:
- Wie entstehen Öffentlichkeiten?
- Wie werden Deutungsrahmen konstruiert?
- Was unterscheidet Fakt, Meinung, Norm, Wahrheit?
- Wie wirken algorithmische Verstärkungsmechanismen?
Medienkompetenz ist damit kein Beiwerk politischer Bildung. Sie ist Voraussetzung für Urteilsfähigkeit in liquiden Informationssystemen des 21. Jahrhunderts und sie kann helfen, den gefährlich verengten Meinungskorridor in analogen und digitalen Öffentlichkeiten wieder zu erweitern und uns auf die essentiellen Grundlagen von Demokratie und Freiheit ohne ideologischen Überbau zu besinnen.
Medienkompetenzarbeit ist deshalb hoch wirksam und notwendig für eine wirksame politische Bildungsarbeit, für Beteiligung und stabile Zustimmung zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung und Demokratie.
Sie sollte viel stärker als in jüngster Zeit wieder als relevanter eigener Bereich innerhalb der Politischen Bildungsarbeit für die Demokratie anerkannt, weiter entwickelt und gefördert werden. Ich fasse das grafisch so zusammen:
Medienkompetenzarbeit als Voraussetzung wertegeleitete politischer Bildung
Politische Bildungsarbeit setzt Vertrauen voraus.
Dieses Vertrauen entsteht heute oft zuerst im medialen Resonanzraum.
Medienkompetenzarbeit baut dieses Vertrauensverhältnis auf – und ermöglicht erst danach wertegeleitete Aushandlungsprozesse.
Wenn Demokratien gefährdet sind, weil Teile der politischen Mitte Vertrauen verlieren, dann muss politische Bildung dort ansetzen, wo dieses Vertrauen erodiert: in der Informationsumgebung.
Medienkompetenzarbeit stabilisiert demokratische Systeme nicht durch Moralappelle, sondern durch Verfahren, Transparenz und Selbstwirksamkeit.
Sie gehört daher als eigenständiger, systematisch entwickelter Bereich in die Politische Bildungsarbeit für die Demokratie – insbesondere für alle Schulformen und für alle Zielgruppen der außerschulischen politische Bildungsarbeit.
Von erfolgreichen Modellen lernen, egal wo
„Wir arbeiten mit den Ärmsten der Armen“, sagt Choudhary. „Wenn es bei ihnen funktioniert, funktioniert es überall.“
Inzwischen entwickelt sein Team ein KI-gestütztes „AI-Radio“, das Transkription, Distribution und Archivierung automatisiert. Technologie wird hier nicht als Selbstzweck eingesetzt, sondern als wirksamer Verstärker demokratischer Kommunikation.
Seit Gründung hat CGNet Swara mehrere Zehntausend dokumentierte Problemlösungen begleitet – ein Modell lösungsorientierten demokratischen Journalismus mit friedensstiftender Wirkung.
Das ist kein exotisches Beispiel.
Es ist ein übertragbares Prinzip.
Lokales Beispiel „Lösungsmacher“ in Düsseldorf
In Düsseldorf kooperieren die Querkopf Akademie, der lokale Newsroom VierNull und die Regionale Arbeitsgruppe von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V. seit 2025.
Das neue Aktionsgesprächsformat „Lösungsmacher“ knüpft an langjährige Arbeit mit den sieben Düsseldorfer Hauptschulen an. Probleme und Wünsche werden regelmäßig erhoben, lokale Stadtteilkonferenzen initiiert, Jugendliche moderieren und planen eigenverantwortlich Maßnahmen.
Ab 2026 wird das Material systematisch ausgewertet, weiterentwickelt und mit kommunaler Vernetzungsarbeit verbunden. Gleichzeitig werden die Jugendlichen journalistisch geschult:
- Themenfindung
- Recherche und Faktencheck.
- Interviewführung.
- Erzählen per Smartphone in Echtzeit und mit Postproduktion.
- Veröffentlichung eigener Beiträge.
Sie sind Berichterstatter, Interviewpartner und Experten zugleich.
Das Projekt ist langfristig angelegt, damit Vertrauen wächst und Beteiligung und Wirksamkeit langfristig erfahrbar wird. Es stärkt:
- Selbstwirksamkeit
- demokratische Teilhabe
- Verständnis kommunaler Infrastruktur
- Dialogfähigkeit
Die Arbeit verbindet physische Begegnungen mit digitaler Berichterstattung – hybrid, dialogisch, punktuell KI-unterstützt.
Fazit
Demokratie braucht Institutionen.
Demokratie braucht Verfahren.
Aber Demokratie braucht auch Geschichten.
Geschichten schaffen Resonanzräume.
Resonanzräume ermöglichen Vertrauen.
Vertrauen ermöglicht Aushandlung.
Medienkompetenzarbeit ist deshalb kein Randthema. Sie ist infrastrukturelle Demokratiearbeit im 21. Jahrhundert. Sie sollte als eigenständiger, systematisch entwickelter Bereich innerhalb der Politischen Bildungsarbeit für die Demokratie anerkannt und gestärkt werden.
Integrierte nachhaltige Modelle der Medienkompetenzarbeit sollten gemeinsam mit Zielgruppen entwickelt und in schulischen Curricula und außerschulischen Projekten etabliert werden, anstatt singuläre Fertigkeiten in Workshop-Silos zu schulen.
Ausgewählte Quellen
Wissen schafft Demokratie 18/2025: Demokratiegefährdung online
https://www.idz-jena.de/schriftenreihe/band-18-demokratiegefaehrdung-online
Oliver Decker, Johannes Kiess, Ayline Heller, Elmar Prahler (Hrsg.), Vereint im Ressentiment: Autoritäre Dynamiken und rechtsextreme Einstellungen. Leipziger Autoritarismus Studie, Gießen 2024.
Vera Kirschbaum, Nils Kraft, Aline Spantig, Real-Time Reporting, in: #Innovationtelling, S. 41-52, hg.v. Marie Elisabeth Müller, Harald Eichsteller, Devadas Rajaram, Now Media, Nomos Verlag 2017.
Robert Vehrkamp, Selbstbeschädigung der Mitte. Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2025 in den sozialen Milieus, Gütersloh 2025.
Andreas Voßkuhle, Zum Umgang mit der „stillen Mitte“. Strategien zur (Wieder-)Gewinnung von Vertrauen in demokratische Institutionen und Akteure, Berlin 2025.
Marie Elisabeth Müller arbeitet als Medienkompetenz-Bildnerin an der Schnittstelle von Journalismus, Medienpädagogik und Politischer Bildung – häufig mit Menschen, die in mehreren Sprachen und Kulturen zuhause sind.
Die promovierte Medienwissenschaftlerin (Uni Konstanz), langjährige SWR-Journalistin, und erfahrene Hochschulprofessorin (Hochschule der Medien Stuttgart) engagiert sich ehrenamtlich als Sprecherin der Regionalen Arbeitsgruppe Düsseldorf bei „Gegen Vergessen- Für Demokratie e.V.“
Kontakt | E-Mail: marie_elisabeth.mueller@pm.me – Telefon 0049 177 7467271.