Erinnerungskultur und Kunst„Official.Unofficial.Belarus“
Erinnerungskultur und Kunst haben eine enge Verbindung allein dadurch, dass Kunst überwiegend Seiendes oder Vergangenes darstellt. Der Blick zurück erinnert im günstigen Fall an eine große Kulturepoche oder an bedeutende Künstler. Im schlimmsten Fall aber lenkt ein Kunstwerk die Aufmerksamkeit auf Krieg und Verderben. In beiden Fällen werden Werte des Menschlichen angesprochen, sei es dass sie als vorbildlich dargestellt werden, sei es, dass ihr Fehlen deutlich wird oder in hässlicher Form missachtet werden. Die Botschaft wird aber jeweils sein, dass Humanität ein unabdingsbares Ziel ist. Und insofern die Verletzung von Menschenrechten beklagt wird, ist zugleich eine zukünftige Hoffnung ausgesprochen, dass nämlich diese Utopie des Lebenswerten angestrebt wird.
Genau diese Erfahrung kann der Besucher des Pavillons „Official.Unofficial.Belarus“, der anlässlich der 61. Biennale der Kunst momentan in Venedig gezeigt wird, erleben. Die Ausstellung ist in der Kirche San Giovanni Evangelista zu sehen, und zwar in zwei Räumlichkeiten. Man betritt in der Regel zuerst einen größeren Versammlungsraum, der aber bis auf einen schmalen Umgangskorridor gänzlich von einem Weizenfeld ausgefüllt wird.
Die Halme wachsen auf dunkler Erde etwa einen Meter hoch. Mitten durch das Feld verläuft eine goldgelbe Lichtspur, wodurch die Halme erleuchtet werden. Über den Ähren hängen von der Decke Eisengestänge-Skulpturen, die in ihrer Form an in Belarus traditionelle übliche bäuerliche Kunsthandwerks-Produkte erinnern. Sie werden dort häufig als Stroh-Spinnen bezeichnet. Sie gelten als Talismane, die als Zeichen von Glück, Harmonie und Frieden gelten. Zu vielen Festlichkeiten werden sie in mühevoller Arbeit von Hand hergestellt. Es verlangt viel Geschick, dass die Halme nicht brechen.
In Belarus symbolisiert die Spinne Fleiß, Wohlstand und gute Nachrichten. Das Aufhängen einer Strohspinne im Haus, oft über dem Tisch oder in der sogenannten „Roten Ecke“ (Heiliger Ort: Die „Rote Ecke“ ist der religiöse Mittelpunkt des Hauses, in dem die Heiligenbilder aufgestellt wurden. Hier wurden während Festen die wichtigsten Gäste platziert. Zudem wurden an diesem Ort wichtige Familienrituale abgehalten und traditionelle Symbole wie die Erntegarbe aufgestellt), hat eine lange Tradition: Die feinen geometrischen Formen, fast wie Kristalle gestaltet stehen für Harmonie, die schwebenden Gebilde sind Glücksbringer vor allem auch zur Weihnachtszeit.
In diesem Raum bin ich als Betrachter zunächst berührt von der unerwarteten Nähe zu einem goldgelben Feld, das in einem an sich dunklen Raum wie ein Wunderfeld wirkt. An der breiten Rückwand hängt ein gemaltes Bild, das erneut ein Ährenfeld zum Gegenstand hat und das wie eine Goldwand über dem realistischen Ährenfeld leuchtet.
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