Gedenkveranstaltung in Freiburg erinnert an die „Unsichtbarkeit“ lesbischer Frauen in der NS-Zeit

Vor 81 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz befreit – und viele Themen blieben lange unbeachtet. Etwa die Situation lesbischer Frauen. Um sie ging es in der städtischen Gedenkveranstaltung.

Anja Bochtler , Mi, 28. Jan 2026. (Badische Zeitung)

Zeitlich rückt der Nationalsozialismus immer weiter weg. Gleichzeitig wirkt es angesichts der politischen Entwicklungen, als wären die Gefahren durch stark zunehmenden Rechtsextremismus so nah und bedrohlich wie nie in der bisherigen Nachkriegsphase. Darauf haben nun rund um den 27. Januar, den Tag der Auschwitz-Befreiung, wieder viele Initiativen und die jüdischen Gemeinden mit einem großen Veranstaltungsprogramm reagiert.

Während die Israelitische Gemeinde am Gedenkabend mit spannenden Gästen wie dem israelischen Historiker Gideon Greif darüber diskutiert, wofür Auschwitz heute steht, setzt ein breites Bündnis unter der Regie des städtischen Kulturamts auf ein lange vernachlässigtes Forschungsthema: „Frauenliebende Frauen in der NS-Zeit“. Wie immer ist der Kaisersaal im Historischen Kaufhaus so voll, dass viele weitere Interessierte weggeschickt werden müssen. Im Vergleich zu den Vorjahren sind diesmal besonders viele Frauen – darunter zahlreiche sehr junge – im Publikum. Und der große Applaus am Schluss, als Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach betont, die Veranstaltung setze „ein Zeichen für die Sichtbarkeit queerer Menschen“ und die Offenheit Freiburgs, beweist: Viele empfinden diese Offenheit als bedroht.

Foto: Wolfgang Dästner Moderation: Wera Engelhardt vom SWR, Claudia Weinschenk, Sylvia Paletschek. Muriel Lorenz,Ulrich von Kirchbach

Erst seit wenigen Jahren beschäftigt sich die Wissenschaft intensiver mit dem Thema

Wie ging es lesbischen Frauen im Nationalsozialismus? Die Antworten darauf sind komplizierter als bei anderen Gruppen, die damals verfolgt wurden. Die Gründe dafür sind vielschichtig: Da ist zum einen die schlechte Forschungslage – erst seit etwa 2020 werde das Thema in der gängigen Wissenschaft anerkannt, sagt die Freiburger Professorin Sylvia Paletschek. Zusammen mit ihrer
Mitarbeiterin, der Historikerin Muriel Lorenz, hat sie in den vergangenen Jahren in einem Projekt zu den Lebenswelten lesbischer Frauen im Südwesten recherchiert. In den Archiven gebe es wenig Material zum Alltag von Frauen – erst recht nicht zum tabuisierten Alltag lesbischer Frauen. Und im Vergleich zu homosexuellen Männern habe sich der Paragraph 175, der Homosexualität kriminalisierte, im Nationalsozialismus für Frauen weniger eindeutig ausgewirkt, sagt Sylvia Paletschek: Frauen gerieten meist dann ins Visier, wenn mehrere Kriterien zusammenkamen – zum Beispiel, wenn eine lesbische Frau gleichzeitig Jüdin oder Kommunistin war.

Foto: Thomas Kunz

Klar sei aber: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau in ein Straf- oder Konzentrationslager oder in die Psychiatrie kam, war sehr viel höher, wenn sie lesbisch war. Häufig sei lesbischen Frauen ein Stigma wie „asozialer Lebenswandel“ oder Prostitution unterstellt worden, das sie dann nach den im NS geltenden Regeln in Gefahr brachte. Dass mit gleichgeschlechtlichen Orientierungen bei Männern und Frauen unterschiedlich umgegangen wurde, lag am nationalsozialistischen Frauenbild, betont Sylvia Paletschek: Frauen wurde eine eigene Sexualität abgesprochen, und da sie keine führenden öffentlichen Rollen besetzen sollten, galt ein Abweichen vom gewünschten Verhalten bei ihnen als weniger staatsgefährdend als bei Männern. Doch die Bedrohung war auch für lesbische Frauen sehr spürbar, sagt Muriel Lorenz. Sie seien in die Unsichtbarkeit gezwungen worden und verloren ihre Netzwerke und ihre Lebensmöglichkeiten.

Nur wenige Lebensgeschichten sind dokumentiert

Trotz aller Forschungserschwernisse gibt es mittlerweile dank der Auswertung von Briefen, Tagebüchern, Zeitschriften und Akten einige Rekonstruktionen der Lebenswege lesbischer Frauen in dieser Zeit: zum Beispiel von Muriel Lorenz zu der Freiburger Rechtsanwältin Maria Plum, die – möglichst unauffällig – mit ihrer Bürovorsteherin Marie Luise Goppel zusammenlebte. Oder von der freien Historikerin Claudia Weinschenk zu einer Frau, die sie nur „Berta G.“ nennt, da sie kein Einverständnis der Angehörigen hat, über sie zu sprechen. Diese Berta G. sei in den mehr als 3000 Psychiatrie-Akten von Frauen, die sie durchgeschaut hat, eine der wenigen, bei der ihr Lesbisch-Sein klar benannt werde, sagt Claudia Weinschenk. Was von der Lebensgeschichte von Berta G. bekannt ist, ist tragisch: Sie sei als Kind einer Inhaftierten 1915 in einer Frauenstrafanstalt geboren worden und in Kinderheimen und Erziehungsanstalten aufgewachsen – unter anderem in einem Mädchenheim in Freiburg. Auf dem Schlossberg sei sie von der Polizei aufgegriffen worden. Der Vorwurf: Prostitution. Sie sei in mehrere „Heil- und Pflegeanstalten“ eingewiesen worden und letztlich vermutlich nach Auschwitz deportiert worden. Doch auch das lasse sich nicht zweifelsfrei klären.

Die Freiburger Musikerinnen des Percaso String Quartets wurden eingeladen. Sie spielten Sätze des Streichquartetts Nr. 1, op. 25, das die französische Komponistin Charlotte Sohy 1933 komponiert hat.

Das Publikum war sehr angetan von den Vortragenden und von den Musikerinnen und bedankte sich mit überaus freundlichem Beifall.