Geschichts- und Problembewusstsein gegen das gefährliche „Gefühl von Ohnmacht“

Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, Rektor der Universität Magdeburg, empfing zur Anerkennung des Engagements von „Gegen Vergessen Für Demokratie“ im Austauschprojekt die stellvertretende Bundesvorsitzende Christine Lieberknecht und Stefan Querl, Sprecher der Regionalarbeitsgruppe Münsterland, zu einem Erfahrungsaustausch in den Fragen des Ost-West-Dialoges. Foto: Dr. Antonio Roselli, Universität Magdeburg.

Begegnungen zwischen Magdeburg und Münster: Ein Programm beider Universitäten brachte ältere Studierende mit Christine Lieberknecht aus dem Bundesvorstand von Gegen Vergessen Für Demokratie ins Gespräch. RAG Münsterland moderierte dabei.

Im Sommersemester fand an der Universität Münster und der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg ein Ost-West-Dialog statt. Eine Kooperation zwischen den Programmen „Studium im Alter“ (Universität Münster), „Studieren ab 50“ (Universität Magdeburg) und der Regionalarbeitsgruppe Münsterland von Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.

Ein Blick zurück und ein Blick in die Zukunft – darum ging es im Ost-West-Dialog, der im Sommersemester 2026 Studierende der wissenschaftlichen Weiterbildungsprogramme für Ältere der Universitäten Münster und Magdeburg zusammenbrachte. Oder genauer: Blicke zurück und Blicke in die Zukunft. 35 Jahre sind seit der Wiedervereinigung vergangen. Die damaligen Ereignisse stellen nicht nur eine politische, sondern für viele auch eine biographische Zäsur dar, genauso wie die 40 Jahre zuvor in zwei getrennten deutschen Staaten. Darüber zu sprechen heißt auch, über die eigenen Erfahrungen, Erwartungen, erfüllten und enttäuschten Hoffnungen zu sprechen. So ging es in der Veranstaltung darum, den jeweils eigenen Perspektiven der Teilnehmer*innen Raum zu geben, und diese im Dialog in ein Verhältnis zueinander zu setzten, um die komplexe Beziehung zwischen der Geschichte und den Geschichten auszuloten.

Gerahmt von Onlineterminen zur Vor- und Nachbesprechung, bestand der Kern der Veranstaltung in zwei längere Treffen in Präsenz, einmal in Münster im April, einmal in Magdeburg im Juni. Sie wurde von Dr. Veronika Jüttemann (Münster) und Dr. Antonio Roselli (Magdeburg) geleitet und hätte ohne die großzügige Unterstützung und das Engagement von Regionalsprecher Stefan Querl, der als Vize von Andreas Dickerboom, Sprecher aller Regionalarbeitsgruppen, dem geschäftsführenden Bundesvorstand angehört, nicht in der vorliegenden Form stattfinden können.

Die neun Teilnehmer*innen haben in verschiedenen kooperativen Arbeitsformaten und in Auseinandersetzung mit Impulsen aus der Geschichtswissenschaft und der politischen Praxis über Parallelen und Divergenzen zwischen den eigenen Erlebnissen der Vor- und Nachwendezeit und deren Interpretationen reflektiert. Dabei hat sich schnell herausgestellt, dass ein Ost-West-Dialog kein Dialog zwischen zwei getrennten Erfahrungsräumen ist, sondern dass er in vielen Fällen sozusagen eine chiastische Struktur aufweist: auf unterschiedlichen Ebenen ist der jeweils „andere“ Raum immer auch Teil des eigenen Erfahrungsraums gewesen. Diskutiert wurden persönliche und historische Wendepunkte und, daran anschließend, Transformationserfahrung, die trotz oder gerade wegen ihrer radikalen Erschütterung persönlicher Lebensentwürfe, sich auch als zukunftsträchtige Erfahrungen erwiesen haben, als Quelle einer „Superkraft“, einer wichtigen (und oft unterschätzten) Ressource zur Bewältigung gesellschaftlicher Krisen.

In Münster lag der Fokus auf den Wendepunkten, die die eigene Geschichte geprägt haben. Die Offenheit, mit der über das eigene Leben und die eigene Deutung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse gesprochen wurde, hätte auch zum Risikofaktor werden können; stattdessen erwies sie sich schnell als belastbares Fundament für die weitere Zusammenarbeit. Vorurteile und Vorwürfe wurden ebenso thematisiert wie (enttäuschte) Erwartungen, Projektionen und Sehnsüchte. Die differenzierte Betrachtung der eigenen Erfahrungen führte zu einer Wertschätzung insbesondere der – oft zu leichtfertig abgewerteten – kulturellen Erzeugnisse der DDR und deren unverklärten Rezeption. Einen wichtigen Impuls lieferte dabei der Historiker PD Dr. Christoph Lorke (LWL Institut für westfälische Regionalgeschichte) mit seinem Vortrag „Deutsch-deutsche Verflechtungen und Abgrenzungen nach 1989/90“, der den Schwerpunkt insbesondere auf die öffentliche Auseinandersetzung mit der Wende setzte und die „Erinnerungskonjunkturen als Spiegel gesellschaftlicher Aushandlungen, Erwartungen und Bedürfnisse“ betrachtete. Zu den vielen Ergebnissen der ersten gemeinsamen Arbeit gehört sicher auch die Erkenntnis, dass die Kombination aus gegenseitigem Respekt und Humor – wozu auch die Fähigkeit gehört, über sich selbst und die eigenen Überzeugungen zu lachen – eine wichtige Voraussetzung darstellt, um andere Perspektiven einnehmen und andere Erzählungen teilen zu können.

In Magdeburg wurden die Münsteraner Diskussionen fortgesetzt und dabei im thematischen Dreieck von Demokratie, Krise und Transformation verortet. Einen wertvollen Beitrag bildete dabei das von Stefan Querl moderierte Gespräch mit der Ministerpräsidentin a.D. des Freistaats Thüringen Christine Lieberknecht. Das Gespräch begann mit einem Rückblick auf ihre Zeit in der DDR und die Wendejahre 1989/90, worin Christine Lieberknecht über ihre Jugenderinnerungen, ihre Rollen als Bürgerrechtlerin und dann Politikerin sprach und sowohl Erfolge als auch Misserfolge kritisch reflektierte. Darauf aufbauend wurden aktuelle politische Phänomene in den Blick genommen, ausgehend von den Fragen: Was kann Politik leisten? Wie lässt sich die aktuelle Vertrauenskrise in die Politik deuten und welchen Auswirkungen hat sie z.B. auf dem Umgang etwa mit demokratiefeindlichen Strömungen. Im Anschluss stand Christine Lieberknecht nicht nur für Fragen zur Verfügung, sondern trat aktiv in den Dialog mit den Teilnehmer*innen ein als stellvertretende Bundesvorsitzende von Gegen Vergessen Für Demokratie.

Im letzten Teil des Magdeburger Treffens diskutierten die Teilnehmer*innen darüber, was man aus den eigenen Transformationserfahrungen zum Umgang mit den vielen Polykrisen heute lernen kann. Solche Erfahrungen, die zu einem Neubeginn zwingen, Kursänderungen erfordern, kreativen Lösungen herbeiführen, aber auch mit Scheitern, Enttäuschungen und tiefen Krisen einhergehen, bilden oft eine ungeahnte Ressource, eine Art „Superkraft“, die den Umgang mit aktuellen und künftigen Krisen konstruktiv gestalten kann. Um wirksam gegen das Gefühl der Ohnmacht antreten zu können – so eine der wichtigen Erkenntnisse aus dem Gespräch mit Christine Lieberknecht und aus den Auseinandersetzungen mit den eigenen Transformationserfahrungen – hilft es, die Fähigkeit zum Handeln durch Wertschätzung und Unterstützung zu stärken, ohne „große Gesten“ heraufzubeschwören, sondern indem man die kleinen, alltäglichen Gesten würdigt, die den öffentlichen, den gemeinsam geteilten Raum, (lebens-)freundlicher machen.

Die Dynamik in den Diskussionen und in den kooperativen Arbeitsformaten, der Austausch mit Expert*innen aus Wissenschaft und Politik sowie die grundlegende Bereitschaft, sich mit eigenen und fremden Erzählungen, Perspektiven und Deutungen auseinanderzusetzen, haben zu einem produktiven Miteinander geführt, das auch über die zeitlichen Grenzen der Veranstaltung weiterwirkt. Dies wäre ohne die Offenheit und Experimentierfreudigkeit der Teilnehmer*innen nicht möglich gewesen. Diese insgesamt positiven Erfahrungen haben die Organisator*innen darin bestärkt, ähnliche Formate auch für die Zukunft zu planen.