Interview mit Pfarrer Martin Winterberg von der Salvatorkirche
Mit dem Jahr 2025 jährt sich zum 80. Mal das Ende des 2. Weltkrieges 1945. Nur langsam setzte damals eine Aufarbeitung der Nazi-Diktatur ein. Die Verlautbarung „Wir konnten ja nichts dagegen machen“ wurde zur Selbstentschuldigung in Anbetracht derer, die sehr wohl etwas „dagegen“ taten. Sicherlich im Wissen darum, dass man sich selbst in Gefahr brachte, wagten es je einzelne Menschen oder auch Gruppen, denen zu helfen, die unter die Räder der Nazis fielen.
In einer Ausstellung über „Die Gerechten unter den Völkern“ wurde in der Duisburger Salvatorkirche an diejenigen erinnert, die sich damals für Verfolgte und Entrechtete einsetzten. Sie stellt diejenigen vor, die sich einem „man kann ja doch nichts tun“ widersetzten und für uns in heutiger Zeit zum Vorbild werden können bzw. uns zumindest zum Nachdenken anregen sollten. Auf 24 Roll-Ups werden diese Menschen und ihr Engagement vorgestellt. Die Ausstellung wird jetzt über das Evangelische Schulreferat auch für andere Veranstaltungsorte ausgeliehen.
Mit Pfarrer Martin Winterberg, Evangelische Kirchengemeinde Alt-Duisburg, sprachen wir über seine Erfahrung mit der Ausstellung:
Herr Pfarrer Winterberg, wie kam es zu der Ausstellung in der Salvatorkirche?
Anlass war das Ende des 2. Weltkrieges vor 80 Jahren. Darin sehe ich ein Thema für die Salvatorkirche, die Duisburger Stadtkirche. In Zeiten von Unruhe und Krisenstimmung wollten wir diesen Aspekt aufgreifen: Menschen jüdischen Glaubens, so genannte Zigeuner, Menschen, die lila Winkel trugen, und politische Menschen, die nicht der Nazi-Richtung entsprachen, wurden inhaftiert und eben bis zur Vernichtung geführt, wie man das ja auch tatsächlich so hart bezeichnen muss – aber es gab auch Menschen, die sich bewusst dagegen gestellt haben, teilweise unter Gefährdung ihrer Existenz und ihres eigenen Lebens. Deshalb war es für uns auch der richtige Anlass, mit dieser Ausstellung 80 Jahre nach Kriegsende daran zu erinnern, an den Krieg, das Entsetzen, das politische System in der damaliger Zeit mit seinem menschenverachtenden Regime. Möge es nie wieder so werden, dass wir unser Leben dafür zur Disposition stellen, wenn wir verfolgten Menschen helfen!
Es gab damals Menschen, die Widerstand geleistet haben. Es gab aktiven Widerstand aus politischen, auch aus anderen Gründen. Und es gab den stillen Widerstand einzelner Menschen, das sind die Gerechten unter den Völkern.
Für mich gab es noch die spezielle Erinnerung an die einzige Duisburgerin, die in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt wird. Annemarie Möller versteckte in ihrer Apotheke in Duisburg-Neuenkamp die damals so bezeichnete „Halbjüdin“ Hanna Jordan. Leider ist ihr mutiger Einsatz in Duisburg kaum bekannt. Dank Annemarie Möller und anderen selbstlosen Lebensrettern konnte Hanna Jordan 93 Jahre alt werden. Ich wohne ja seit 30 Jahren in Neuenkamp und bin dort Gemeindepfarrer. Ich erinnerte mich an die Gedenkplakette an ihrem Haus und recherchierte über Annemarie Möller im Bundesarchiv. So konnten wir für die Ausstellung einen eigenen Aufsteller über sie erstellen.
Dass die Ausstellung dann zustande kam, geht auch auf die Anregung von Herrn Braun vom Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ zurück. Von ihm kam auch der Hinweis auf das Programm „Demokratie leben“, aus dem die Ausstellung gefördert werden konnte. Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen in Duisburg war sehr komplikationslos. Eine Ausstellung über „Die Gerechten unter den Völkern“, die an diejenigen erinnert, die sich damals für Verfolgte und Entrechtete einsetzten, ist ja nun auch ein Thema für Demokratie Leben im wahrsten Sinne des Wortes.
Sie haben die Ausstellung zusammen mit der Gedenkstätte Yad Vashem organisiert. Wie gestaltet die sich die Zusammenarbeit inhaltlich und organisatorisch?
Absolut komplikationslos. Ich stand über Prof. Dr. Smerling, den Direktor des Duisburger Museums Küppersmühle und Kurator des deutschen Freundeskreis Yad Vashem, in Kontakt. Die Zusammenarbeit lief letztendlich einfach über E-Mail Kontakte. Es gibt die Möglichkeit, Layouts für Roll-Ups kostenfrei herunterzuladen, auch in deutscher Sprache. Hinterher erwartet Yad Vashem, dass über die Resonanz berichtet wird, das habe ich auch gemacht. Frau Overländer, die unsere Gemeinde bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützt, hat dann den Ausdruck der Roll-Ups mit einer Firma hier vor Ort organisiert, auch für das zusätzliche Roll-Up für Annemarie Möller. Dazu habe ich einen Text verfasst.
Wer kam dann in die Ausstellung, wie viele Menschen, welche Gruppen von Besucherinnen und Besuchern?
Die Ausstellung konnte für vier Wochen während der Öffnungszeiten der Salvatorkirche besucht werden.
Zum einen kamen zwei Schulklassen. Dazu arbeiteten wir mit dem Evangelischen Schulreferat für die Kirchenkreise Wesel, Kleve, Moers, Dinslaken und Duisburg zusammen, das als Multiplikator im Vorlauf die Information über diese Ausstellung hier bei uns in Duisburg an Sekundarstufen-Schulen weitergegeben hatte. Des Weiteren fielen dem Präsenzdienst in der Kirche kleinere Grüppchen auf, die kamen, einmal zehn Menschen, sich die Ausstellung gemeinsam anschauten. Ansonsten hatten wir ein erhöhtes Besucheraufkommen in der Salvatorkirche von Menschen, die offensichtlich auch bewusst die Ausstellung besucht haben. Es kam zu Gesprächen mit den Mitarbeitenden im Präsenzdienst, wo im positiven Sinne Betroffenheit auffiel. Eben weil es „ganz normale Leute“ auf den Roll-Ups waren. Man weiß manchmal, dass Prominente wie Berthold Beitz unter den Gerechten der Völker waren. Aber dass auch ganz einfache Leute darunter waren, war etwas, was wohl viele beeindruckt hat. Das war natürlich auch der Sinn. Man muss nicht wer weiß was sein, um sich für Menschen einzusetzen, die verfolgt werden, obwohl man mit dem Leben bedroht wird.
Was wurde rund um die Ausstellung veranstaltet, etwa zur Eröffnung?
Unsere Ausstellungen werden traditionell mit einem Gottesdienst um 10:00 Uhr eröffnet. Ich beziehe mich dann in der der Predigt und im Gottesdienst insgesamt darauf, natürlich je nach Ausstellung sehr unterschiedlich. Wenn wir Kunstausstellungen haben, nehme ich meistens ein Kunstwerk, ein Bild, was ich im Mittelpunkt der Predigt dann aufstelle, und interpretiere es vor dem religiösen oder theologischen Background. Das habe ich hier auch gemacht und in den Mittelpunkt des Eröffnungsgottesdiensts Annemarie Möller gestellt, die Anna Jordan versteckt hatte. Nach dem Gottesdienst war dann die Eröffnung und es gab es die Möglichkeit, sich die Ausstellung anzusehen, dazu ein Glas Sekt und eine Brezel, wie wir das bei einer Vernissage haben. Das ist so der Rahmen, den wir eben immer bieten. Ungefähr die Hälfte der Leute ist geblieben.
Die Ausstellung in der Salvatorkirche wurde auf ähnliche Weise mit einer Finissage und einem Gottesdienst abgeschlossen.
Was ist aus der Ausstellung geworden?
Die Roll-Ups und ihre Folien, die ein bisschen stärker sind, haben wir gut wieder eingepackt. Die Ausstellung ist bei uns zwischengelagert.
Über das Evangelische Schulreferat läuft weiterhin das Angebot an Schulen, dass man sie bei uns ausleihen kann. Eine Gesamtschule aus Wesel hat sie im Sommer bei uns abgeholt hat und bei sich in der Schule aufgestellt. Das ist bis jetzt nur einmal erfolgt. Aber wir werden das weiterhin über Schulreferate für Sekundarstufen-Schulen bewerben. Auch meinen Kolleginnen und Kollegen hier in Duisburg steht die Ausstellung im Rahmen ihrer Kirchengemeinde zur Verfügung.
Die Ausstellung ist weiterhin bei uns verfügbar. Sie muss abgeholt werden und in anständigem Zustand wieder zurückgebracht werden. Wir bieten sie gerne an und freuen uns, wenn sie von Menschen jeglichen Ortes genutzt wird.