Veranstaltung
Vortrag und Gespräch mit Dr. Werner Friedrichs (Bayreuth / Hamburg)
Moderation: Naomi Roth (Münster)
Wenn Gesellschaften vor existenziellen Herausforderungen stehen, ertönt reflexartig der Ruf nach mehr politischer Bildung. Unzählige Bekenntnisse werden abgelegt, Programme aufgelegt. Diese Krisenbewältigungslogik – Krise als Lerngelegenheit – war in den letzten 50 Jahren das vorherrschende Denkmotiv. Am Beginn des 3. Jahrtausends wird diese
Krisen-Lern-Dramaturgie brüchig: Denn die gegenwärtigen Herausforderungen lassen sich immer weniger als lösbare Krisen beschreiben; sie gleichen eher einer Erschütterung des In-der-Welt-Seins – einem quake in being (Morton). Damit läuft die tradierte Aufklärungsgleichung, nach der das Vermitteln von mehr Wissen zu mehr subjektiver Autonomie und damit zu selbstbestimmter Handlungs- bzw. Krisenbewältigungskompetenz führt, ins Leere. Insbesondere der Fixpunkt einer subjektiven Autonomie löst sich nach langen Wurzelschmerzen sichtbar auf. Subjekte scheinen sehr viel mehr innerhalb eines In-der-Welt-Seins verwickelt zu sein als dass sie eine abgekapselte, humanistische, extraterrestrische Sonderstellung behaupten könnten. Die Grenzen zwischen Natur, Kultur, Technik und Humanem sind in Auflösung begriffen – ebenso die Idee, dass die Orientierung in der Welt von einer kognitiven Rechenmaschine namens Gehirn gesteuert wird. Damit ist die Frage nach neuen Selbst-Welt-Verhältnissen und daran unmittelbar anschließend nach neuen Bildungskonzepten aufgerufen. Der Vortrag gibt einen Überblick über die Diskussion und einen Ausblick auf den noch unfertigen Ansatz einer Radikalen Demokratiebildung am Un_Ort.