Veranstaltung
Gespräch und Lesung mit: Prof. Dr. Tatjana Tönsmeyer (Wuppertal)
Moderation: Stefan Querl (Münster)
Auf dem Höhepunkt der deutschen Machtentfaltung im Zweiten Weltkrieg lebten 230 Millionen Menschen unter deutscher Herrschaft. Sie mussten sich mit den Besatzern arrangieren und machten Erfahrungen, die bis heute nachwirken. Tatjana Tönsmeyer hat die erste Geschichte des deutsch besetzten Europas geschrieben, die die Perspektive der Besetzten und nicht der Besatzer einnimmt – und legt damit ein Erbe frei, das unterschwellig immer noch im Verhältnis der europäischen Nachbarn zu Deutschland präsent ist.
Von Norwegen bis Griechenland, von Frankreich bis in die Sowjetunion – wie lebten die Menschen unter deutscher Besatzung und wie erlebten sie die tiefen Einschnitte in ihren Lebensalltag? Die deutschen Besatzer erließen neue Regeln, spalteten die Gesellschaften und schufen eine Atmosphäre, in der Gewaltanwendung immer eine Option darstellte bis hin zum Genozid an Jüdinnen*Juden. Die zivilen Opfer überstiegen in allen besetzten Gesellschaften die Zahl der toten Soldaten. Gleichzeitig waren die Besetzten keine homogene Masse passiver Opfer. Sie hatten Handlungsoptionen, die sie nutzen konnten, um sich zu verweigern – oder sich den Besatzern anzudienen.
Tönsmeyer zeigt eindrücklich, was es damals für Millionen Europäer*innen bedeutete, unter deutscher Besatzungsherrschaft zu leben. Eine Erfahrung, die vor dem Hintergrund der russischen Besatzung großer Gebiete der Ukraine von bedrückender Aktualität ist.